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Westwärts

 “I decided to go for a drive. And I keep driving, thinking I might learn a thing or two.” — James A. Reeves

Mit 30 Jahren schaffe ich es das erste Mal aus Europa raus und dann, bei all den Möglichkeiten, verschlägt es mich ausgerechnet in die USA. In den Westen auch noch, mit dem Mietwagen. Dabei gebe es den richtigen “Road Trip” doch gar nicht mehr, heißt es von allen Seiten. Die Motels seien schlimmer denn je, die Staus länger, die Menschen argwöhnischer und die Sehenswürdigkeiten entlang des Weges nur noch Touristenfallen.

Dabei weiß ich das doch alles. Dass Las Vegas nicht nur tagsüber eigentlich ein trauriges Loch ist. Dass die Farben des Grand Canyons nie so prächtig sind wie auf den Fotos. Dass der Kaffee in den Raststätten dünn ist und nicht alle Trucker bärtig sind. Dass die Nacht in Los Angeles nichts mit den Filmen gemeinsam hat, auch der kleinste Nationalpark Eintritt kostet, und in San Franciscos Haight-Ashbury längst keine Beatniks mehr die Straßen bevölkern.

Ich bin trotzdem hier. Vielleicht, um es wenigstens einmal gesehen zu haben. Das Land, dessen Politik und Menschen ich nur schwer verstehe, aber dessen Literatur und Geschichte mir so nahe stehen. Vielleicht aber auch bloß aus der Einbildung heraus, einige Wochen in einem bekannten und doch fremden Land könnten den Blick auf die Zukunft schärfen.  Und wer weiß, vielleicht lerne ich tatsächlich noch eine Sache oder zwei.

Titelbild: Wolfgang Staudt/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)