FacebookGoogle PlusTwitterTwitter

Beer People

5. October 2013

Wir müssen reden. Über Bier. Bier aus den USA, um genau zu sein. Nein, nicht über die Budweisers, die Millers und Coors, die in Deutschland gerne synonym zu Spülwasser stehen und sich prima eignen, um das gute, deutsche Bier einmal mehr über die Gerste zu loben. Stattdessen geht es um Craft Beer, um die “handwerklichen” Biere kleiner, unabhängiger und traditioneller (Mikro-)Brauereien.

Seit Beginn meiner Reise habe ich versucht, wo auch immer ich gerade lande, einen lokalen Brewpub zu besuchen oder, falls keiner in der Nähe ist, zumindest in “gewöhnlichen” Bars nach Bieren aus der Region zu fragen. Nach gut vier Wochen kann ich ein rein subjektives Fazit ziehen: Die amerikanische Bierszene braucht sich nicht mehr zu verstecken. Sie ist der deutschen in einigen Aspekten vielleicht sogar überlegen.

Doch der Reihe nach. Die US-Bierszene hat in den vergangenen Jahren eine beachtliche Entwicklung gemacht. Mittlerweile gibt es in den Staaten über 2.300 Craft-Bier-Brauereien. Ihnen entstammen heute bereits 30 Prozent aller Bierverkäufe der Großhandelskette Costco. Und war Craft Bier lange Zeit vor allem ein Phänomen im Nordosten und Westen des Landes, entdecken auch der Süden und Mittlere Westen die Braukunst.

Regelmäßig taucht deshalb der Begriff der “Craft Beer Revolution” auf. Der New Yorker hat vor einigen Monaten eine interaktive Grafik zum Thema gebastelt, Beer Mapping und Brewery Map bringen die Brauereien auf die interaktive Landkarte, es gibt Webserien wie Greg Zeschuks The Beer Diaries oder Brew Age, und natürlich Bücher über die Entwicklung der USA vom mutmaßlichen Bier-Entwicklungsland zum Hopfen-Mekka.

Die zweite Bierrevolution

Das stimmt natürlich nur halb. Schon in den späten Siebzigern und Achtzigern haben sich unabhängige Brauereien einen Namen gemacht. Einige, wie die Boston Beer Company mit ihrem (wie ich finde exzellenten) Samuel Adams Boston Lager machen heute Umsätze in Millionenhöhe. In den Neunziger Jahren traten plötzlich so viele kleine Brauereien auf den Plan, dass die Lieferanten irgendwann überfordert waren. Die erste Craft-Bier-Blase platzte deshalb schnell wieder und die großen Brauereigruppen brachten mit Sorten wie Blue Moon eigene Sorten unter einem (gefälschten) Craft-Bier-Label auf den Markt.

Fünfzehn Jahre später versuchen es die kleinen Braumeister wieder. Und es sieht gut aus: Nicht nur sind die Vertriebs- und Werbemöglichkeiten auch dank des Internets heute ausgereifter. Gerade die jungen US-Bürger haben wieder Interesse am Bier. Craft-Bier ist “in” und die Wertschätzung – und damit auch die Qualität – steigt.

Wie sehr die Amerikaner inzwischen ihr Bier lieben, konnte ich an fast jedem Ort feststellen, durch den ich kam. Nicht nur in den Hochburgen San Francisco und Bend, sondern auch in Boise, Vegas, in Monterey, in Santa Barbara, Solvang und sogar Salt Lake City  war der nächste Brewpub meist nur wenige Straßen entfernt. Und auch in ganz gewöhnlichen Bars übertraf die Auswahl meist jene von deutschen Kneipen, in denen es selten mehr als eins, zwei Bier vom Fass gibt.

Nicht nur die Anzahl hat mich überrascht, sondern auch die Qualität. Darauf kommt es schließlich an. Ob stark gehopfte IPAs, kräftige Ales oder Stouts mit Kaffee-Note: Die Craft-Bier-Palette in den USA ist abenteuerlich und abwechslungsreich. Und bis auf wenige Ausfälle,  wie das “Kölsch” von Deschutes, habe ich mit den IPAs, Ales und Lager durchgehend gute Erfahrungen gemacht.

Individualität ist Trumpf

Gerade die Experimentierfreudigkeit  und dem sichtlichen Spaß am Handwerk der US-Brauer beeindruckt mich dabei am meisten. Das bedeutet nicht, dass ich die teils hanebüchenen Kreationen mit Chili oder Schokolade tatsächlich als Bier wertschätze. Aber auch bei traditionellen Sorten werden hier gerne die Grenzen ausgelotet oder einfach neue gezogen. Mit teils toll designten Labels und witzigen Namen von Mutton Buster hin zum Black Lab Stout und Blue-Eyed Ale zeigen die Mikrobrauereien außerdem etwas, das die deutschen Marken größtenteils – aller Qualität zum Trotz – längst verloren haben: Persönlichkeit. So wie sich etwa 10 Barrel im Netz  präsentiert, scheint in Deutschland fast undenkbar. Hier ist Bier eine, nun ja, bierernste Sache eben.

Möchte ich deshalb künftig auf ein gutes Pilsener nach dem Reinheitsgebot verzichten? Auf gar keinen Fall. Aber etwas mehr Abwechslung und Auswahl in deutschen Kneipen, gerne auch mit selbstgebrauten Bieren, wäre wünschenswert – und tatsächlich greift der Craft-Bier-Trend auch langsam auf Europa über. In dieser Hinsicht können die Deutschen also doch noch etwas lernen in Sachen Bier. Und das ausgerechnet von den Amis. Cheers!

«