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Bodily Functions

4. October 2013

Frauen in hautengen Spandexhosen, mit großen Sonnenbrillen und knappen Sportoberteilen. Männer mit freiem Oberkörper und pulsierenden Venen.  Die Plastiktrinkflaschen stets in der Hand, den iPod, das Smartphone oder den Pulsmesser an den Oberarm geschnallt rennen sie den Runyon Canyon hoch, vorbei an den keuchenden Besuchern, denen der Reiseführer einen netten Blick über Hollywood versprochen hat.

Hier in Los Angeles zeigen sich die zwei stereotypischen Seiten der US-Amerikaner: Entweder man lässt sich gehen und rollt als Fass durch die Straßen – nirgends habe ich so viele übergewichtige Menschen gesehen. Oder man ergibt sich dem Körper- und Fitnesskult –  nirgends habe ich so viele durchtrainierte Menschen gesehen. Etwas “normales” dazwischen? Nicht an diesem Tag und Ort.

Schon während meiner gesamten Reise ist mir aufgefallen, wie ernst in den USA der Freizeitsport genommen wird. Ob in Las Vegas oder in Boise, in Santa Cruz oder in Los Angeles: Wer joggen geht, tut dies scheinbar nicht nur aus dem Spaß an der Bewegung. Die Jogger haben diesen ehrgeizigen Blick, diesen Willen, den Mut zur Selbsterniedrigung. Selbst die sichtlichen Neulinge geben nicht auf und stapfen röchelnd die staubigen Wege  hinauf, immer wieder pausierend mit den Armen in den Seiten. Oben angekommen geht es sofort wieder zurück. Keine Zeit zum Entspannen.

Es gibt noch eine zweite Komponente: Sehen und gesehen werden. Nicht nur im Runyon Canyon oder den Trails rund um das Griffith Observatorium. Auch am Samstagmorgen im Palisades Park in Santa Monica kann man sie sehen, die “Reichen und Schönen”, wie die Boulevardblätter gerne kalauern. Der Park sei “ein gigantisches Outdoor-Fitnessstudio”, schreibt die LA Times. Mehr als 70 Kurse finden hier wöchentlich statt. Selbst um halb 9 Uhr morgens reihen sich die Jogger wie an einer Perlenkette, den Ozean im Hintergrund.  Unter den Bäumen sammeln und dehnen sich schwitzende Menschentrauben, andere praktizieren Yoga, Capoeira oder sonstige ulkige Verrenkungen. Jung und alt, mit Hunden, Kindern, Kinderwagen. Halb Santa Monica scheint um die Zeit bereits auf den wohlgebräunten Beinen. So viele attraktive Menschen, gestählte, makellose Körper mit wohlbetonten Muskeln.

Zum ersten Mal seit Beginn meiner Reise habe ich nichts mehr geplant. Kein Ziel, außer mit einem Kaffee in der Hand den noch weitestgehend leeren Strand und die Jogger zu beobachten. Die Santa-Ana-Winde bringen an diesem Wochenende schon am frühen Morgen eine warme Brise von der Stadt in Richtung Pazifik. Ich lehne meine auch nach fast vier Wochen noch immer kalkweißen Beine in die Sonne und denke mir, dass ich auch mal wieder öfters laufen gehen sollte. Get back in shape, man. Demnächst. Ganz bestimmt.

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